"They named a brandy after Napoleon, they made a herring out of Bismarck,and Hitler is going to end up as a piece of cheese."

 

 

 

Cinema! Italia! Calcinculo [Karussell] I 2022, R: Chiara Bellosi mit Gaia Di Pietro, Andrea Carpenzano, Barbara Chichiarelli, OmU

Die 15-jährige Benedetta lebt mit ihren Eltern und den jüngeren Geschwistern in der süditalienischen Provinz. Wegen ihres Übergewichts gilt sie als Außenseiterin und wird häufig gemobbt. Als vor der Haustür der Familie ein Jahrmarkt seine Zelte aufschlägt, lernt sie die Schausteller:in Amanda kennen, die selbstbestimmt lebt und sich Gendernormen widersetzt. Amandas Souveranität fasziniert Benedetta sofort. Da wird Schule schnell zur Nebensache. Die beiden reden wenig, doch für Benedetta wird Amanda zur Einladung, sich einem Leben zu öffnen, von dem sie bisher glaubte, dass es ihr nicht zusteht... Chiara Bellosis zweiter Spielfilm (nach Palazzo di Giustizia, Cinema Italia 2020) ist die zärtliche Beobachtung einer ungleichen Freundschaft und erzählt zugleich von Selbstentdeckung und vom Ausbrechen. Calcinculo hatte seine Uraufführung im Panorama der Berlinale 2022.

 

Diese Geschichte ist ein Märchen. Oder besser: ein Spiel mit der Realität. Als ich klein war, wurden mir Geschichten erzählt, und es gab einen Unterschied zwischen Märchen und Fabeln. Die Fabeln waren für mich immer irgendwie traurig, trocken und langweilig, mit einer unerbittlichen Moral am Ende. Das Märchen hingegen ist wie ein Universum, das sich ausdehnt und alles sammelt, was es auf seinem Weg findet: unsinnige Gegenstände, seltsame Gestalten, Orte voller Charme, aber immer auch ein bisschen unheimlich. Das Märchen hält alles zusammen und erzählt, ohne etwas zu erklären. Es ist eine ständige Entdeckung, und am Ende sagt einem niemand, was man entdeckt hat, nur man selbst weiß es.
Chiara Bellosi

Für jeden von uns gibt es einen anderen Grund, auf das Karussell aufzuspringen. Wenn es anfängt, sich schnell zu drehen, ist es wie Fliegen und wir wollen nicht mehr aussteigen. So ergeht es auch Benedetta, als sie Amanda kennenlernt und beschließt, ihr in ihre Vagabundenwelt zu folgen. Ein präzise beobachtender, tiefgründiger Coming-of-Age-Film, dessen Hauptdarstellerin mit ihren Blicken alles erzählt, was man wissen muss.
Ines Ingerle, Crossing Europe

Calcinculo ist eine Geschichte der Wiedergeburt und der Bejahung der eigenen Identität. Die Lebenswege der 15-jährigen Benedetta und Amanda kreuzen sich zufällig, als der Vergnügungspark, auf dem Amanda arbeitet, nach Rom kommt. Die römischen Vorstädte, die im Kino so beliebt sind, verwandeln sich in Calcinculo in eine verlassene Welt, wobei die Verbindung zwischen der Einsamkeit der Protagonistinnen eine Abweichung von der Norm, eine zufällige und unerwartete Schnittstelle darstellt. Es ist kein Zufall, dass Amanda in die Erzählung platzt, ohne einen Hintergrund, eine Geschichte, eine Herkunft, die sie definiert, oder ein Zuhause, das sie gefangen hält. Die Begegnung zwischen ihr und Benedetta nimmt märchenhafte Züge an. Durch Amanda wird Benedetta von der Welt Besitz ergreifen und die festgelegten Pfade einer in alten Mustern verhafteten binären Gesellschaft verlassen. Diese beiden ungewöhnlichen Protagonistinnen begeben sich auf eine Reise, ohne Ziel, frei von jeder Identitätsverpflichtung. Deshalb kann Calcinculo als Coming-of-Age-Drama, als Roadmovie oder auch als Komödie der Gegensätze bezeichnet werden, entzieht sich aber letztlich jeder Kategorie, da der Film letztendlich die Beziehung zwischen zwei Menschen darstellt. Matteo Bonfiglioli, Cineforum

 

Chiara Bellosi (1973 in Mailand) Nach ihrem Abschluss in Dramaturgie an der “Civica Scuola di Teatro Paolo Grassi” in Mailand studiert sie Film am Europäischen Institut für Design in Venedig. Sie schreibt abwechselnd für Theater, Film und Belletristik. 2005 dreht sie ihren ersten Kurzfilm, Devota. Ihr erster Spielfilm Palazzo di Giustizia wird 2020 bei der Berlinale und bei Cinema Italia präsentiert. Calcinculo feiert 2022 ebenfalls auf der Berlinale Weltpremiere.

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